Schule in Norwegen
Immer wieder kommt die Frage von Familien die gerne auswandern wollen: Wie ist das denn mit der
Schule in Norwegen??
Das ist eine Frage, die wohl am besten jemand beantworten kann der selber die Erfahrung gemacht hat aus Deutschland zu kommen und eine Schule in Norwegen zu besuchen. Deswegen habe ich hier den Erfahrungsbericht einer Austauschschülerin, die einige Zeit in Norwegen die Schule besucht hat und für meine Homepage mir diesen Erfahrungsbericht geschrieben hat.
Das ist eine Frage, die wohl am besten jemand beantworten kann der selber die Erfahrung gemacht hat aus Deutschland zu kommen und eine Schule in Norwegen zu besuchen. Deswegen habe ich hier den Erfahrungsbericht einer Austauschschülerin, die einige Zeit in Norwegen die Schule besucht hat und für meine Homepage mir diesen Erfahrungsbericht geschrieben hat.
Die Lokalzeitung Østerdølen hatte über diesen Schüleraustausch ebenfalls einen Bericht,
den man auf Norwegisch hier nachlesen kann.

Morgens, halb neun in Norwegen:
Ungefähr 10 Schüler der Klasse 2AF sitzen zeitungslesend oder nichtstuend vor einem der
4 Klassenräume der "Videregående skole" Koppång und warten bis die Schulglocke nicht ertönt.
Doch, richtig gelesen, denn in dieser Schule gibt es keine Schulglocke. Trotzdem sitzen etwa
10 Minuten nach offiziellem Stundenbeginn die meisten Schüler auf ihren gepolsterten Lehnstühlen
und beachten die erste Regel, die neben der Wanduhr hängt und die Schulklingel
ersetzt: "Pass klokka"- guckt auf die Uhr! Natürlich kann nicht riskiert werden die sowieso
schon zu spät begonnene Stunde auch nur eine Minute zu überziehen. Und als besagte Uhr sich
gnädig zeigt und auf 9:35 Uhr vorrückt, wird das dem Lehrer sofort lautstark mitgeteilt. Nach
der 2. Stunde sind dann auch die restlichen Schüler eingetroffen und der weitere Schultag
besteht zu 85% aus Pause. Die anspruchsvollen Gewissensfragen des Lehrkörpers in der
verbleibenden Unterrichtszeit sehen ungefähr so aus: "Habt ihr Lust, heute was über Islam zu
machen??" Die Mehrheit der Klasse scheint das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können
und so folgt ein resigniertes "Gut, dann machen wir was anderes!"
Phantasievorstellung, Utopie eines jeden Schülers oder einfach beklopptes Geschreibsel? Nein!
Natürlich hab ich jetzt ein bisschen übertrieben, aber im Großen und Ganzen habe ich so den
norwegischen Schulalltag erlebt. Von Februar bis Mai war ich als Austauschschülerin in
Norwegen und habe dabei zwei Schulen besucht. Einmal die bereits beschriebene Schule in
Koppång, Österdalen und dann noch 6 Wochen in der Ungdomsskole in Finnsnes, Troms.
Jetzt ist die natürliche Reaktion eines jeden, der das oben geschriebene liest die
Frage: "Warum schneiden die dann besser in der PISA-Studie besser ab als Deutschland?" Bevor
ich jedoch zu dieser Frage Stellung nehme, möchte ich zuerst allgemein etwas über das norwegische
Schulsystem erzählen.
Seit den 60er-Jahren hat Norwegen ein zweigliedriges Schulsystem: Einmal das Gesamtschulsystem von
der 1. bis zur 10. Klasse ohne jegliche Differenzierung. Die Schulen von der 1. bis zur 6. Klasse
werden barneskole genannt und sind mit den deutschen Grundschulen vergleichbar. Dann geht es weiter
zur "Ungdomsskole" (7.-10. Klasse), die ungefähr der Mittelstufe entspricht. Danach ist die
Schulpflicht beendet und man kann mit einem "Realschulabschluss" die Schulbank verlassen. Weiter
Bildungshungrige besuchen danach die 1.-3. Klasse der "videregående skole" die ähnlich der
Oberstufe ist und dessen Abschluss mit dem Abitur verglichen werden kann. Die meisten Schulen
in Norwegen beginnen gegen 9 Uhr und enden ungefähr um halb 3, in der Oberstufe kann der Unterricht
bis 4 Uhr dauern.
Gut, das waren die allgemeinen Infos und jetzt möchte ich noch etwas zu meinen eigenen
Erfahrungen sagen. Das, was ich oben geschrieben habe hört sich an, als ob die ganze Sache
sehr locker ablaufen würde und das tut sie auch. Für eine disziplingewöhnte Deutsche war das
natürlich erst mal ein Kulturschock erster Klasse, dass so ziemlich jeder in der Klasse das
macht, was er will. Aber nach und nach habe ich bemerkt, dass das auch von Vorteil sein kann,
da sehr viel eigenverantwortlich gearbeitet wird. Die Schüler bekommen viele Aufträge über
eine längere Zeit und einen Abgabetermin. Das bedeutet, dass man selbst an bestimmten Themen
arbeitet und auch selbst entscheiden kann, was für einen wichtig ist. Gut finde ich auch
die "Ukeplaner", die Wochenpläne, die man am Anfang jeder Woche bekommt und die den geplanten
Unterrichtsstoff der nächsten Tage beinhalten. Durch sie kann man sich auf die nächsten
Stunden einstellen und eventuell auch vorbereiten. Das gibt schwächeren Schülern die
Möglichkeit, sich auch ab und zu hervorzuheben. Die Durchschnittsleistung einer norwegischen
Klasse liegt weit über der einer deutschen. Auch etwas Besonderes ist das Verhältnis zwischen
Schülern und Lehrern. Als Respektsperson kann man einen Lehrer in Norwegen auf jeden Fall
nicht bezeichnen, eher als fast den Schülern Gleichwertigen oder einen Richtungsweiser, aber
nicht als den Kommandeur! Die Lehrer werden in Norwegen nicht mit der Höflichkeitsform angeredet,
sondern einfach geduzt und nach meinen Erfahrung auch mit dem normalen Umgangston der Schüler
behandelt. Das führt natürlich dazu, dass sich seine Autorität auf ein Minimum begrenzt, aber
es bedeutet auch, dass das Unterrichtsklima ein gelockertes ist und sich die Schüler mehr
zutrauen. Ich habe auch erlebt, dass sich auch das autoritäre und freundschaftliche sogar
verbinden lässt und das hat mich beeindruckt. Ganz im Gegensatz zu diesem lockeren Unterricht
stehen die Arbeiten, die ich als sehr hart empfunden habe. In den Hauptfächern werden
sogenannte "heldagsprøver" geschrieben, also Arbeiten die den ganzen Schultag, meist 6 Stunden,
dauern. 6 Stunden Mathearbeit, das ist hart und auch das Stoffpensum ist hoch, so dass sich die
Schüler trotz den recht niedrigen Unterrichtsanforderungen kein Faulenzen leisten können. Am
Abschluss jedes Schuljahres gibt es ab der Ungdomskole Prüfungen, die den gesamten Stoff des
Schuljahres wiederholen, so dass man nicht gleich wieder vergisst, was man z.B. am Anfang des
Jahres gelernt hat. Wiederholung wird sowieso groß geschrieben, was ich auch einen positiven
Aspekt finde. Die Notengebung in Norwegen läuft umgekehrt zu der deutschen, das heißt 6 ist
die beste und 1 die schlechteste Note, was ja eigentlich logisch ist. Allerdings wird das
Mündliche oft sehr wenig gewichtet, was vielen Schülern die Chance auf bessere Zeugnisnoten
nimmt. Das norwegische Schulsystem ist also sehr schriftlich ausgerichtet.
Alles in allem hat mir die Schule in Norwegen sehr gut gefallen, besonders die individuelle
Lernweise, die große Selbständigkeit und das gute soziale Klima, in dem das Lernen auch Spaß
macht. Natürlich kann ich nach meinem Aufenthalt nicht alle norwegischen Schulen beurteilen,
aber ich habe auch allgemein Ähnliches gehört. Der größte Nachteil in Norwegen ist wohl die
hohe Motivation, die man aufbringen muss, um sich nicht dem "Schlendrian" des Unterrichts
anzupassen. Das würde mir schwer fallen, aber ich denke, der gute Platz bei der PISA-Studie
ist berechtigt.
Klar hatte ich am Anfang ein bisschen Bammel, wie mich die Schüler und Lehrer in der
Fremde aufnehmen würden. Schließlich bin auch ich nicht von den Gerüchten verschont geblieben,
dass die Norweger zurückhaltend, kalt, kontaktunfähig....etc seien. Ich muss zugeben, der
erste Tag war auch ein bisschen unterkühlt, doch dann hatte ich die Elche durch mein notorisches
deutsches Temperament schnell geschmolzen und habe richtig guten Anschluss in der Klasse gefunden,
ich würde sagen, sogar ein paar Kontakte, die die Trennung bis jetzt überlebt haben und es
hoffentlich weiterhin tun.
Die Lehrer waren alle sehr kooperativ und haben für mich sogar extra Arbeiten zusammen gestellt,
damit ich nicht den Anschluss an den deutschen Stoff verliere. Sonst habe ich den Unterricht
so mitgemacht, wie er geführt wurde, und musste in Deutsch sogar ab und zu selber das Zepter
in die Hand nehmen (schon mal jemand ausprobiert, wie bescheuert man sich fühlt, wenn man etwas
über sich gaaaaanz laaaangsam und DEUTLICH erzählen muss, sich selbst im Schneckentempo hört,
sich halb totlacht und dann die Frage kommt: "Redest du immer so schnell"? ;-)) )
Von Vorurteilen gegenüber Deutschen habe ich nichts gemerkt, nicht ein einziges Mal. Das
Interessanteste an Deutschland für die Norweger ist immer noch, ob der Alkohol dort wirklich
so billig ist und es auf der Autobahn kein Tempolimit gibt. Das ist alles, was ein Elch braucht,
um beeindruckt zu sein!
Also kann ich sagen, dass ich im Großen und Ganzen sehr viel Positives erlebt habe und das
Vorurteil von den kalten Norwegern endgültig in meinem Kopf streiche, dreimal, mit dickem roten Edding!


