Die Samen
Die Samen, die man früher etwas abschätzig »Lappen« nannte, leben seit vorgeschichtlicher
Zeit im Norden des heutigen norwegischen Staatsgebiets. Etwa 8000 Jahre alt sind die ersten
archäologischen Funde, die auf die Existenz dieses Volkes hinweisen. Das Wort Samen kommt
von dem altnordischen Wort sapmi, das einerseits die Samen als Volk, andererseits aber auch
das Land bezeichnet, auf dem sie leben. Als Samenland gilt heute ein Gebiet in Norwegen,
Schweden, Finnland und Nordrussland, in dem etwa 70 000 Menschen leben, davon 40 000 allein
in Norwegen und dort hauptsächlich in der Finnmark.
Die norwegischen Samen kann man in drei Gruppen gliedern. Die größte darunter ist die der
See-Samen, die an der Küste lebt und sich traditonell von Fischfang und Ackerbau ernährte.
Auch die Fluss-Samen, die an den Wasserläufen im Inneren der Finnmark beheimatet sind, haben
sich in den vergangenen Jahrhunderten mehr und mehr auf Ackerbau und Viehwirtschaft verlegt,
während sich die zwischen Varanger und Femunden angesiedelten Berg-Samen z. T. noch immer von
der althergebrachten Rentierzucht ernähren.
Alte Kultur
Es ist bemerkenswert, wie es einem Teil der Samen bis in unsere Zeit hinein gelungen ist,
sich einen großen Teil ihrer kulturellen Traditionen zu bewahren, zu denen nicht zuletzt ihre
eigene, vom Norwegischen vollkommen unterschiedliche Sprache gehört, die wie das Finnische zur
finnougrischen Sprachfamilie gehört.
Seit jeher war das Meer mit seinen reichen Fischvorkommen und den Seehundbeständen, die
ihnen Felle und Leder lieferten, für die Samen eine wichtige Rohstoffquelle. Bei Handwerkern
besonders begehrt waren früher Walross-Stoßzähne, aus denen sich Nadeln und Knöpfe, aber auch
Löffel und Tassen sowie eine ganze Reihe von Musikinstrumenten fertigen ließen.
Das Rentier - für einige noch immer die Lebensgrundlage. Das weite Samenland ist reich an
Seen, Flüssen, Bächen und nicht zuletzt auch an mächtigen Bergen und zahllosen Hügeln. Neben
dem Fischfang war deshalb schon immer auch die Jagd ein wichtiges Betätigungsfeld für die Samen.
Wild gab es genug, am bedeutendsten war und ist es in gewisser Weise noch immer das Rentier.
Noch heute werden etwa 40 % der norwegischen Landmasse - ein großer Teil davon in der Finnmark -
als Rentierweiden genutzt.
Auf nationaler Ebene ist die ökonomische Bedeutung dieser Weidewirtschaft vernachlässigbar,
doch hat sie für die Samen, von denen immerhin noch 10 % von der Rentierzucht leben, sowohl
wirtschaftlich als auch kulturell einen hohen Stellenwert.
Heute führen nur noch wenige Samen das nomadische Leben ihrer Vorväter. Die meisten von
ihnen sind sesshaft geworden, und nur noch ein paar Rentierzüchter ziehen im Sommer mit ihren
Herden in die höher gelegenen Weidegründe, wo sie dann auch schon mal im traditionellen Samenzelt
übernachten, das ein wenig dem Tipi der nordamerikanischen Indianer gleicht. Im Spätsommer und
Herbst werden die Rentiere dann wieder in die Wälder hinuntergetrieben, wo sie den Winter über
frei herumstreifen können.
Leuchtende Farben
Im Sommer verwandeln sich die unberührten Weiten der Finnmark in ein Farbenmeer. Moose,
Flechten und Gräser schimmern in den unterschiedlichsten Rot-, Gelb-, Violett- und Grüntönen.
Möglicherweise war es diese Farbenpracht der Natur, welche die Samen beim Entwurf ihrer bunten
Trachten inspiriert hat. Während man sie früher täglich trug, ist diese traditionelle Kleidung
mittlerweile Festen, Hochzeiten, Beerdigungen und anderen besonderen Gelegenheiten vorbehalten.
Das größte Fest des Jahres ist Ostern, das mit Rentierrennen und anderen Veranstaltungen ausgiebig
gefeiert wird. Bei diesem Ereignis kann man dann die reich bebänderten Röcke und Jacken, deren
Grundfarbe meist Rot ist, in großer Zahl bewundern. Zu diesen prächtigen Festtagskleidern tragen
die Samen filigrane Halsketten und Anhänger aus Silber sowie sogenannte Zinnstickereien, bei
denen haarfeine Zinnfäden in komplizierten Mustern auf Armbänder oder Taschen aus Rentierhaut
genäht werden.

Die alte Religion
Ähnlich wie viele andere Naturvölker hatten auch die Samen vor ihrer Christianisierung eine
schamanistisch geprägte Religion, in der die Natur und ihre Kräfte die wichtigste Rolle spielen.
Beaive (die Sonne) und Mannu (der Mond) waren die höchsten Götter, dichtauf gefolgt von Horagalles,
dem Donnergott. Den Hauptgöttern unterstanden viele geringere Götter und Geisterwesen,die für
Fruchtbarkeit und Jagdglück ebenso verantwortlich waren wie für den Fischreichtum.
Es gab aber auch böse Geister wie zum Beispiel Rota oder Ruta, den Dämon der Krankheit und des
Todes, und den Teufel selbst, der bei den Samen Fuadno hieß.
Die christlichen Missionare, taten alles, um diesen alten Glauben zu bekämpfen. So wurden viele
magische Trommeln, von den Bekehrern »Troll-Trommeln« genannt, zerschlagen oder verbrannt.
Am brutalsten wurde die Christianisierung der Samen unter dem dänisch-norwegischen König
Christian IV. betrieben. Nachdem der König Anfang des 17.jhs. die Finnmark bereist hatte, bedrohte
er 1609 alle Samen, die sich weigerten, ihrem traditionellen Glauben abzuschwören, mit der
Todesstrafe. Obwohl der König gleichzeitig neue Kirchen im Samenland errichten ließ, war für
viele der dort lebenden Menschen ein regelmäßiger Kirchgang lange Zeit unmöglich, denn dazu hätten
sie weite Entfernungen über unwegsames Gelände zurücklegen müssen. So kamen sie meistens nur zu
den hohen Festtagen sowie zur Sommer- und Wintersonnwende zusammen, und so halten sie es auch
heute noch. Weitere wichtige Festtage sind nach wie vor die acht Jahreszeiten er Samen, die alle
mit den Rentieren in Zusammenhang stehen und ebenfalls Anlass zum Feiern.
Die Wiederbelebung einer alten Sprache
Die traditionelle Kultur der Samen ist reich an mündlich überlieferter »Literatur«. Dazu gehört
eine große Anzahl verschiedener Legenden und Märchen, von denen j. K. Ovigstad Anfang des 20.
Jahrhunderts eine ganze Reihe schriftlich erhalten hat. Außerdem gibt es eine ganz besondere
Form des Gedichts, das die Worte zum Joik dem traditionellen samischen Gesang liefert, dessen
Melodien früher zur Beruhigung der Rentierherden und dem Fernhalten wilder Tiere gedient haben.
In den letzten 10 Jahren war es Mari Boine, die mit Joik-Gesang Erfolge feierte und diese alte
Tradition wieder mit neuem Leben erfüllt hat.
Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs versuchten die Norweger, die auf ihrem Staatsgebiet
lebenden Samen kulturell und sprachlich zu »norwegisieren«, was unter anderem dazu führte, das
Mario Aiklo aus Karasjok, einer der größten Schriftsteller samischer Abstammung, ausschließlich
auf Norwegisch schrieb.
Seit international mehr Gewicht auf die Förderung von Minderheiten gelegt wird, verfolgt auch
die norwegische Regierung den Samen gegenüber eine andere Kulturpolitik. Junge Samen werden nun
von Anfang an in ihrer Sprache unterrichtet, die auch an den Universitäten von Oslo und Tromso
gelehrt wird. Darüber hinaus gibt es mittlerweile rein samische Kultureinrichtungen wie das
Zentrum für Lehrerforthildung in Alta, De Samiske Samlinger (das Samen-Museum) in Karasiok
und das Kautokeino Kulturhuset, wo auch die große Osterfeier stattfindet. Als die norwegische
Rundfunkgesellschaft NRK Anfang der 80er Jahre ein zweites Rundfunkprogramm aufbaute, richtete
man zuerst hoch im Norden eine auf samisch sendende Station ein.
Steiniger Weg zur Autonomie
Bei aller kulturellen Förderung, die den Samen seit ein paar Jahrzehnten aus Oslo zuteil
wird, darf nicht vergessen werden, dass Norwegens "Indianer" noch immer um die politische
Selbstbestimmung und die Fortführung ihrer traditionellen Lebensweise kämpfen. Letztere ist
heute gerade dadurch in Gefahr, dass der Norden Norwegens durch immer mehr neugebaute Straßen
und moderne Kommunikationsmittel erschlossen wird. Auch die Einrichtung von Nationalparks,
anderswo eine begrüßenswerte Sache, kann im Gebiet der Samen unter Umständen dazu führen,
dass auf einmal Raubtiere unter Schutz gestellt werden, die den Rentierherden gefährlich
werden könnten.
Auch der Bau von Staudämmen für Wasserkraftwerke hat die Samen nach dem Zweiten Weltkrieg
mehrfach um wichtiges Land gebracht. Aus dem Kampf gegen eines dieser Projekte, beidem Ende
der 70er Jahre des 20. Jhs. der bei den Samen als heilig geltende Altelva-Fluss aufgestaut wurde,
erwuchs schließlich ein neues politisches Selbstverständnis der Samen. Nicht zuletzt dem Druck
massiver Protestaktionen war es nämlich zu verdanken, dass die norwegische Regierung eine
Sameting genannte Vertretung der Samen ins Leben rief. Im Oktober 1989 wurde dieses in Karasjok
tagende Parlament, das allerdings nur beratende Funktion für das Osloer Storting und keine
direkten Entscheidungsbefugnisse hat, von König Olav V. in einer feierlichen Zeremonie eröffnet.
Trotz der Freude über diesen Erfolg hätten viele Samen, die bis heute von mehr politischer
Autonomie oder sogar von einem alle Samen einschließenden Samenstaat träumen, es gerne gesehen,
wenn Oslo ihnen damals weitergehende Rechte eingeräumt hätte.
Immerhin hat das Sameting inzwischen einen Aktionsplan für die Küsten und Fjorde des Samenlandes
sowie einen Landwirtschaftsplan erarbeitet und gibt regelmäßig Studien in Auftrag, die Wege aus
der in der Finnmark besonders hohen Arbeitslosigkeit finden sollen. Eine wichtige Aufgabe sieht
das Sameting auch in der Zusammenarbeit mit seinen Kollegen in den drei anderen Ländern des
Nordens. So hat es zusammen mit den Samenparlamenten in Schweden und Finnland 1996 einen speziellen
interparlamentarischen Rat ins Leben gerufen, der sich um die alle Samen betreffenden Belange
kümmern soll.

Weiterführende Links zu den Samen und Samischer Kultur findet man hier:
Samenet
samipath
Samiskt Informationscentrum
Sami of norway
samiske samlinger
jojk og samekultur
sametinget
nordic sami institute
sami radio
samipress mediasenter


