Symbolik der Stabkirchen
Christliche Formensprache
Die Stabkirchen waren für die Menschen des Mittelalters viel mehr als nur eine Bautechnik, sie
waren auch stark symbolbehaftet, wie in einer um 1200 in Bergen entstandenen Predigt betont wurde.
Der Chor des Kirchengebäudes symbolisiert das Heilige im Himmel, während das Schiff die Christen auf
Erden darstellt. Das Dach der Kirche sind die Gläubigen, die ihre Augen von der Erde abwenden und gen
Himmel blicken. Die Saumdielen sind die Apostel, das Fundament des Christentums. Die vier Eckstäbe sind
die vier Evangelisten, die stärksten Stützen des Christentums. Die Liegestäbe, die die Dachkonstruktion
und die Wände stützen und zusammenhalten, bilden die Führer und Stützen der Gemeinde. Die beiden
Längswände des Schiffes stellen die "zwei Volksgruppen" - Juden und Heiden" dar, die die Grundlage
des Christentums bilden. Die westliche Giebelwand, die die Längswände zu einem haus verbindet, ist
ein Symbol für Unseren Herrn, der die beiden Volksgruppen in einem Glauben vereint. In dieser Giebelwand
befindet sich auch das Hauptportal, das in die Kirche führt. Die Giebelwand zwischen Schiff und Chor ist
der Heilige Geist, der durch die Choröffnung den Weg in die himmlische Herrlichkeit zeigt.
Das Kirchenportal ist der wahre Glaube, der zum Christentum führt. Das Türblatt symbolisiert die Frommen,
die den Ketzern Widerstand leisten und die diese durch ihre Lehre aus Gottes Gemeinde ausschließen. Der
Boden sind die Demütigen, die sich von allen in den Staub treten lassen. Die festen Bänke an den Wänden
bildet die Gruppe der Barmherzigen, die ihre schwachen Nächsten unterstützen.
Am Beispiel der Stabkirche von Borgund lässt sich die heilige Zahl drei u.a. im dreiteiligen Bogen über
dem Eingangsbogen, dem dreistufigen Dach und dem dreifach gestuften Dachreiter finden.

(Abb.69) Stabkirche von Borgund
Germanische Mythologie
Dennoch überwiegen die ganz eigenständig wikingischen Flachreliefs von rankenden Mustern, vor allem
auf Flächen wie Türrahmen und Türblättern.
Lebensbaum, Sonnenkreuz und Midgard-Schlage sind ebenso vorchristliche Motive wie die Drachenköpfe. Alles
ist bekannt vom Zierrat der Schiffe (Steven, Schlitten und Wagen).
Somit fanden nicht nur christliche, sondern auch heidnische Symbole den Weg in die Kirchen. Da
die meisten Bauern sich weigerten, ganz vom Glauben der Väter abzulassen, war die Vorstellung
von bösen Geistern auch noch während der ersten Jahrhunderte des Christentums lebendig. In dem Glauben,
dass diese Geister nur durch ein Abbild ihrer selbst gebannt werden könnten, finden sich auch an den
Kirchendächern die gleichen aggressiven Drachenköpfe wie einst an den Wikingerschiffen. Die Giebelkreuze
sind ebenfalls eher als magische Schutzzeichen anzusehen, sonst würden sie kaum in dieser Vielzahl am
gleichen Bau erscheinen.
(Abb.70) Stabkirche von Borgund: Kreuze und Drachen als Abwehrzauber
(Abb.71) Stabkirche von Hedalen Ein wie ein Haus geformter Reliquienschrein, dessen Dach von einem mit Schnitzwerk versehenen Firsten und Drachenköpfen gekrönt wird. Szenen aus dem Leben Christi und eine Darstellung des Mordes an Thomas Beckett schmücken den Schrein
(Abb.72) Drachenkopf des Osebergschiffes
(Ab..73) Türbeschlag am Südportal der Stabkirche von Hurum Das heidnisch-heilige Zeichen des Schiffes mit den Drachenköpfen, die Midgard-Schlange und das bischöfliche Doppelkreuz erhöhen die zauberische Kraft des Beschlages
An den Haupteingängen sind auch häufig (z.B. in Gol und Hedalen) die sogenannten
"Geisterschwellen" angebracht, die bis weit in das Mittelalter auch bei den Bauernhäusern
gebräuchlich waren.
Außerdem finden sich an den Eingängen Schwellenhüter, die prüfend auf den Eintretenden hinab zu schauen
scheinen. Sie stellen Löwen dar, ein eingeführtes Symbol der Stärke der christlichen Kirche. Aus Mangel
an natürlicher Kenntnis wurden sie mit phantastischen Erfindungen und Stilisierungen gestaltet.
Der Kampf gegen das Böse verdichtet sich noch um den Haupteingang der Kirche herum, der mit seiner
schlanken, hohen Form "den wahren Glauben" darstellt, "der uns in das wahre
Christentum hineinführt" (Priesterbuch). Die Öffnung ist so eng, dass immer nur einer hineingehen
kann; man soll das Heiligtum allein betreten, ohne das Böse. Um die Öffnung herum wird man von einem
reich geschnitzten Flechtwerk kämpfender Schlangen, Drachen und Löwen umgeben. Hier verschmelzen
die Fabeltiere der Wikingerzeit mit den christlichen Vorstellungen des Aufeinanderpralls von guten
und bösen Kräften. Der Kampf ist am Eingang zum Heiligtum, auf der Schwelle zur Rettung besonders heftig.
(Abb.74) Westportal der Stabkirche von Hopperstad
(Abb.75) Schwellenhüter am Südportal der Stabkirche von Borgund
(Abb.76) Südportal der Stabkirche von Borgund
(Abb.77) Stabkirche von Borgund: Tierkopf als Säulen-Sockel auf der Fundamentschwelle
Auch in der Kirche und vor allem in den Schnitzereien finden sich Motive, die Szenen der
germanischen Mythologie darstellen, vor allem aus der Sigurd-Sage. Dieses Zitat wurde umso eher
geduldet, als es in der christlichen Legende Entsprechungen im Drachenkampf des Erzengels St. Michael
und des St. Georg vorhanden waren. Es kann jedenfalls kein Zweifel bestehen, dass bei der Einführung
des Christentums gerade der Drachenkampfmythos eine überaus wichtige Rolle bei der Gewinnung des
norwegischen Bauernkriegertums gespielt hat.
(Abb.78) Stabkirche von Heddal: Bischofsstuhl mit Szene aus der Sigurd-Sage
(Abb.79) Stabkirche von Lom: Bischofsstuhl mit Kampfszene
Die Svalgänge, die den inneren Kirchenraum umlaufen, haben mehrere Bedeutungen. Sie beschützten
die von weit her Gereisten gegen Regen und Schnee, wenn diese auf den Gottesdienst warteten, und es
ist auch bekannt, dass hier draußen die Ungetauften standen und die Messe durch kleine Löcher in den
Wänden mitverfolgen konnten. Aber dieser Umlauf konnte auch für Prozessionen benutzt werden, wie man
sie von den überdachten Kreuzgängen um die Klosterhöfe kennt. Die Svalgänge wurden aber auch zum
Ablegen der Waffen während der heiligen Messe benutzt, weshalb sie auch Waffenräume genannt werden.

(Abb.80)
Svalgang der Stabkirche von Eidsborg
Romanische Elemente
Im Stil gibt es durchaus Anklänge an die mediterrane Romanik, so im Grundriss (Apsis), in den
hufeisenförmigen Rundbögen der Knaggen oder in der Gestalt der Masten (Säulen) und ihrer Kapitelle
und deren Ornamentik.
Romanische Portale
Bei den von der romanischen Architektur beeinflussten Portalen, die zumeist auf Ende des zwölften
Jahrhunderts datiert werden, finden sich zusätzlich zu den kämpfenden Drachen auch klassische
Architekturelemente wie Pilaster, Kapitelle und stilisierte Rankenmuster. Die erhaltenen Portale lassen
sich in geographische Gruppen einteilen. Die wichtigste Gruppe umfasst Material aus Stabkirchen der
Region Sogn, Valdres und Telemark. Die Kompositionen dieser Portale ähneln einander stark und lassen
sich vielleicht auf das Bergenser Handwerkermilieu zurückführen. Besonders bekannt sind die Westportale
der Stabkirchen von Hopperstad und Borgund in Sogn sowie das Westportal der Hedalen-Stabkirche in Valdres.
Zu den "romanischen" Portalen gehört auch eine Gruppe, die man unter umständen dem
Handwerkermilieu verdanken kann, das in Verbindung mit dem Bau von Steinkirchen in Trondheim
entstand. Diese Portale weisen starke Prallelen zu dem zeitgenössischen Steindekor auf. So z.B.
die wiederverwendeten Teile der früheren Stabkirche von Vågå im Gudbrandsdal. Zur selben "Schule"
gehören auch die dekorativen Elemente der Stabkirche von Urnes, hier vor allem die geschnitzten
Würfelkapitelle.
(Abb.81) Die früheren sogenannten romanischen Stabkirchen waren wohl relativ schlichte Bauwerke ohne Svalgänge und Dachreiter und ohne Schindelverkleidung. Die Dächer waren mit Brettern gedeckt, die ähnlich wie die Wikingerschiffe zusammengefügt waren
(Abb.83) Portal der Stabkirche von Hedalen

Die Vermittlung zwischen Stützen und Bögen an Beispielen der Stabkirchen und des
romanischen Stein- und Backsteinbaus. Das untere Bespiel aus Borgund und die beiden seitlichen
Lösungen wirken, weil sie ganz aus dem Wesen der verwandten Baustoffe heraus gestaltet worden sind,
natürlich und wie aus einem Guß. Die sich von Holzsäule zu Holzsäule schwingenden bögen deuten eine
arteigene Verspannung der zwischengefügten Bohlenwand an. Rechts und links herrscht das Gesetzt der
Schwere. In den Gewölbebögen wird durch die Keilquader oder Backsteine die Last bis zum Kämpfer
weitergetragen. Von hier übernimmt sie die Säule bzw. der Pfeiler. Die Kapitelle spielen also
hier die Vermittler zwischen Quadrat und Kreis. Zur Lösung dieser Aufgabe suchte man die handwerklich
am raschesten zu erreichende Form. An den Würfelkapitellen oben aus Urnes und Hopperstad fehlte
diese Gegebenheit. Die Kapitell haften bloß wie Schwalbennester an Säulen, deren Lauf über ihnen
seine Fortsetzung findet. Um diese zutaten nicht ins Leere tönen zu lassen, schuf man künstlich
eine Archivolte durch Annageln von Leisten. Man könnte fast Vergleiche ziehen zu den Schreinerarbeiten
der Renaissance. Von diesen diesen sehr dominanten, sich breit machenden bögen scheint die darüber
liegende dünne Holzwand sich verlegen zurückzuziehen. Es fehlt der natürliche Ausgleich zwischen
den von den Einzelheiten verkörperten Kraftäußerungen.
Gotische Portale
Einige der erhaltenen Stabkirchenportale weisen klare, gotisch beeinflusste Züge auf, andere können
als späte Echos auf die "romanischen" Portale von Sogn/ Valdres/ Telemark verstanden werden.
Bekannt für ihre "gotischen" Portale ist die Heddal-Stabkirche in Telemark. Der Kirchenbau
selbst wird auf die Zeit um 1250 datiert.
(Abb.86 & 87)
Südportal der Stabkirche von Heddal



