Die Wikinger
Als sich vor etwa 12 000 Jahren die Gletscher der letzten Eiszeit zurückzogen, war das Gebiet
des heutigen Norwegen ein kaltes und unwirtliches Land, in das nur langsam entlang der vom
Golfstrom erwärmten Küsten erste Jäger und Fischer vordrangen. Ihre Beute bestand hauptsächlich
aus Elchen und wilden Rentieren, denen sie immer weiter hinauf in die langsam eisfrei werdenden
nördlichen Regionen folgten.
In der ungewöhnlich milden Klimaperiode, die auf die Eiszeit folgte und etwas mehr als
10 000 Jahre anhielt, machten die Menschen große Fortschritte bei der Herstellung von Waffen,
Werkzeugen und Transportfahrzeugen, mit denen wichtige Güter bereits über relativ weite Strecken
transportiert werden konnten. So zeigen im Norden Norwegens gefundene Felszeichnungen aus der
Bronzezeit bereits Schiffe, die etwa 30 Personen tragen konnten, berittene Krieger sowie zwei
und vierrädrige Karren, die von Pferden oder Ochsen gezogen wurden.
Die kleine Eiszeit
Um das Jahr 500 v. Christus herum, trat in ganz Europa wieder eine dramatische
Klimaverschlechterung ein, die auf das Leben in der Nähe des Polarkreises naturgemäß gravierende
Folgen haben musste.
Das Überleben in dieser etwa 1300 Jahre währenden "kleinen Eiszeit" erforderte von den Menschen
im Norden Europas grundlegende kulturelle Umstellungen, die sich nicht nur auf Entwicklung wärmerer
Kleidung beschränkten. So ließen sich die Vorfahren der heutigen Norweger, die bisher ein halbnomadisches
Leben geführt hatten, nun vermehrt auf festen Bauernhöfen nieder. In diesen Häusern,
die im Laufe der Zeit immer größer wurden, fanden Menschen und Tiere Schutz im einzigen, über die
ganze Länge des Hauses verlaufenden Raum.
Die erstaunlichen Hyperboräer
Das antike Europa hatte ziemlich sonderbare Vorstellungen von den Menschen im hohen Norden des
Kontinents. So schreibt z. B. Pomponius Mela im Jahr 43 n. Chr., das die wilden Nordmänner Hufe an
den Füßen hätten und vom Verzehr von Vögeln und ihren Eiern lebten. Ihre Ohren seien so groß, dass
die seltsamen Wesen damit ihre Körper vollständig bedecken und somit ganz ohne Kleidung
auskommen könnten.
Griechischer Überlieferungen zu Folge war der Norden Europas angeblich von sogenannten
Hyperboräern bevölkert, fröhlichen Waldmenschen, die sich singend und tanzend eines unglaublich
langen Lebens erfreuten. Wenn sie des vielen Feierns schließlich überdrüssig waren, stürzten
sich die Hyperboräer angeblich nach einem letzten Festmahl mit Blumen geschmückt von einer hohen
Klippe in den Freitod. So abstrus diese Hirngespinste auch sein mögen, ein Körnchen Wahrheit
enthalten sie doch, denn bis heute erfreuen sich die Norweger einer selbst für Westeuropa
überdurchschnittlich hohen Lebenserwartung.
Während der Jahrhunderte, in denen Hellas und Rom zu kultureller und politischer Blüte auf
stiegen, wurde über Norwegen nur sehr wenig bekannt.
Das man im Rest Europas praktisch nichts von Norwegen wusste, heißt aber noch lange nicht, dass
dort nichts entscheidendes passierte. Im Gegenteil! Etwa zu der Zeit, als Karl der Große sein Reich
aufbaute, ereignete sich jenseits der Nordgrenze seines Imperiums eine wahre Revolution auf dem Gebiet
des Schiffsbaus. Hatten sich bisher selbst so begabte Seefahrer wie die Phönizier auf ihren Reisen
kaum aus der Sichtweite der Küsten gewagt, so konnte man in den Schiffen, die ab dem 8. Jh. in Norwegen
und Dänemark gebaut wurden, auch riesige Ozeane überqueren.
Das um das Ende des 9.Jhs. entstandene und im Jahr 1880 in einem Grabhügel bei Sandeflord gefundene
Gokstad-Schiff ist ein gutes Beispiel für die Überlegenheit des norwegischen Schiffbaus der
damaligen Zeit. Kunstvoll aus Eichenholz gezimmert, hatte das schlanke, 24 m lange und 5 m breite
Fahrzeug einen 11 bis 12 in hohen Mast und 16 Paar Ruder. Diese wurden von 32 Seeleuten bedient,
die komplette Mannschaft eines solchen Schiffes dürfte etwa doppelt so groß gewesen sein. Das
einfache Steuerruder" das man in flachen Gewässern rasch hochziehen konnte, war rechts am Rumpf
befestigt und hieß styrbord - ein Begriff, der bis heute in der Bezeichnung »Steuerbord« für die
rechte Seite eines Schiffes weiterlebt.
Das Gokstad-Schiff selbst, das heute auf der Osloer Museumshalbinsel Bygdoy besichtigt werden
kann, ist übrigens nie zur See gefahren, sondern wurde als letzte Ruhestätte für einen mächtigen
Wikingerfürsten angefertigt.
Die Schiffe dieser Bauart waren aber nicht nur hochseetüchtig, sondern auch äußerst wendig und
konnten zudem wegen ihres geringen Tiefgangs auf Flüssen weit ins Binnenland vordringen. Mit diesen
Eigenschaften waren sie die idealen Fahrzeuge für die Wikinger, die über zweihundert Jahre lang
überall in Europa auftauchen sollten. Ohne das Drachenboot wären die weiten Fahrten
dieser Händler, Eroberer, Räuber und Abenteurer unmöglich gewesen.
Die Profite aus diesen Unternehmungen sorgten zu Hause in Norwegen dafür, dass neben
Adligen, Freien und Thralls (Sklaven) eine Klasse der Kaufleute entstand. Und Handwerker,
vor allem Bootsbauer und Schmiede, die neben Werkzeugen auch Waffen herstellten, genossen
im Lauf der Zeit ein immer höheres Ansehen.

Die ersten Raubzüge der Nordmänner
Wenn in alten Quellen von Wikingern die Rede ist, so ist oft nicht klar, ob damit Norweger oder
Dänen gemeint sind. So bezeichnen englische Schriften die Nordmänner fast durchgehend als danes-
also Dänen - während die kontinentaleuropäische Überlieferung sie meistens Norweger nennt. Auch
in Schweden gab es übrigens sehr erfolgreiche Wikingerhäuptlinge, die sich aber mehr nach Osten
orientierten.
Zum ersten Mal aktenkundig wurden die Wikinger im Jahr 793, als sie die Abtei von Lindisfarne
an der Ostküste Nordenglands überfielen. Im Jahr darauf plünderten sie das Kloster Jarrow in
Northumbria. In den nächsten vier Jahrzehnten verlegten sie sich mehr und mehr auf das
Ausplündern reicher Klöster in Irland, die auf die Ankunft der Drachenboote noch nicht
vorbereitet waren.
Die Grausamkeit der Wikinger
Jahrhunderte lang galten die Wikinger als Abenteurer, für die das Ausrauben reicher und
wehrloser Klöster praktisch die einzige
Einnahmequelle war. Dabei zeigten sie keine Ehrfurcht vor den heiligen Stätten, sondern
sahen das Christentum als eine Bedrohung ihrer nordischen Glaubenswelt an.
Auch im Umgang mit der von ihnen überfallenen Bevölkerung, waren die Wikinger, alles andere
als zimperlich. So wird beispielsweise berichtet, die Wikinger hätten selbst Kinder mit Speeren
durchbohrt und die Schädeldecken erschlagener Feinde als Trinkgefäße benützt. Bei diesen
Schauergeschichten darf man allerdings nicht außer Acht lassen, dass die überwiegende
Mehrzahl der damaligen Chronisten Männer der Kirche waren, deren Klöster wegen ihres
Reichtums die bevorzugten Ziele der Nordmänner waren.
Andererseits dürften die Wikinger von diesem schlechten Ruf, durchaus profitiert haben,
denn einer kleinen Schar von Eroberern, die vielen manchmal nicht ganz wehrlosen Opfern ihr
Hab und Gut wegnehmen wollte, konnte es eigentlich nur nützlich sein, wenn ihr der Ruf
erbarmungsloser Grausamkeit vorauseilte.
Wikingerzüge und Bevölkerungsexplosion
In jüngerer Zeit haben Forscher das Bild der Wikinger entscheidend relativiert. Sie
sehen weniger eine den Vorfahren der heutigen Skandinavier angedichtete Raub- und Mordlust
als Grund für das plötzliche Aufflammen der Wikingerzüge im 8. und 9. Jh. an, sondern eher
die Überbevölkerung in Nordeuropa, wo das knappe Ackerland nicht genügend Nahrung für alle hergab.
In Norwegen kam hinzu, dass nach althergebrachtem Recht alle Söhne, ob legitim oder illegitim,
den gleichen Anspruch auf das Erbe des Vaters hatten. Da politische Macht und gesellschaftlicher
Rang fast ausschließlich von Landbesitz abhingen, vermied es vor allem der Adel, das Land in
immer kleinere Parzellen zu zerstückeln, sondern schickte seine »überzähligen« Söhne lieber in
die Fremde, wo sie ihr Glück suchen sollten. Auf diesen Fahrten, die meistens eine Mischung aus
Handelsexpedition und Kriegszug waren, eroberten die Wikinger immer mehr Gebiete in Westeuropa,
wo sie bald befestigte Ansiedlungen gründeten und sich dort niederließen.

Wikingerreiche in Europa
Die späteren Züge der Wikinger gingen nicht nur von den Heimatländern Dänemark und Norwegen
aus, sondern auch von Stützpunkten auf den schottischen Inseln oder Irland. In Irland vermischten
sich die Wikinger an der Ostküste nach und nach mit der keltischen Urbevölkerung und traten um
die Jahrtausendwende, kurz bevor sie endgültig von der Insel vertrieben wurden, in großer Zahl
zum Christentum über. In Dublin, das jahrhundertelang Macht- und Handelszentrum der Wikinger in
Irland war, fand man die erstaunlich gut erhaltenen Überreste der größten Wikingeransiedlung
außerhalb Skandinaviens.
Auch der europäische Kontinent blieb vor den Wikingern nicht verschont. Auf vielen größeren
Flüssen drangen die Drachenboote tief in das nach dem Tod Karls des Großen in mehrere
Einzelstaaten zerfallene Frankenreich vor. Paris sah sich im Jahr 885 einem Heer von Wikingern
gegenüber, das in 700 Schiffen flussaufwärts ins Landesinnere vorstoßen wollte. In einem harten
Kampf schafften es die 200 bewaffneten Verteidiger der Stadt zusammen mit der Bürgerschaft einer
mehrjährigen Belagerung der Nordmänner zu trotzen. Weniger Glück hatten etwa zur selben Zeit viele
Städte des ostfränkischen Reiches, wo die Wikinger den Rhein hinauffuhren und neben Koblenz, Trier
und Köln auch die Kaiserstadt Aachen plünderten.
Die Normandie - Herzogtum der Wikinger
Als es im Jahr 891 dem ostfränkischen König und Kaiser Arnulf von Kärnten gelang, die
Wikinger in mehreren Schlachten vernichtend zu schlagen, hatte Westeuropa erst einmal Ruhe
vor den Nordmännern, bis 911 eine neue Flotte von Drachenbooten vor der Nordküste Frankreichs
erschien. Unter ihrem Anführer Rollo eroberten diese Wikinger rasch wichtige Brückenköpfe am
Unterlauf der Seine und bauten ihren Machtbereich zügig aus. Rasch erkannte der Westfrankenkönig
Karl der Einfältige, dass er die Wikinger mit Waffengewalt nicht mehr vertreiben konnte. In einem
klugen Schachzug handelte er mit Rollo eine für beide Seiten vorteilhafte Übereinkunft aus: Der
Wikingerführer trat zum Christentum über, schwor Karl Gefolgschaft und wurde dafür von diesem zum
ersten Herzog der Normandie ernannt, die ihren von den Normannen abgeleiteten Namen bis heute behalten hat.
England trotzt den Eindringlingen
Auch im damals noch in mehrere Königtümer aufgeteilten England, das zu den bevorzugten Zielen
der Wikinger gehörte, konnten die Krieger aus dem Norden zunächst riesige Gebiete erobern, darunter
wichtige Städte wie Leicester, Nottingham und London. Erst Alfred dem Großen (871-899) gelang es,
die dänischen Wikinger auf ein Gebiet im Osten Englands zurückzudrängen und mit ihnen Frieden zu
schließen. Gänzlich frei von den Invasoren wurde England erst im Jahr 1069, als der aus der Normandie
stammende Wilhelm der Eroberer, selbst ein Nachkomme des Wikingerführers Rollo, in der Schlacht von
York die letzten Dänen auf englischem Boden besiegte.
Island und Europas erstes Parlament
Im Rückblick kann man sagen, dass die Landnahme der Wikinger überall dort, wo sie in
bereits besiedelten Gebieten erfolgte, zum Scheitern verurteilt war.
Erfolgreicher waren die Bemühungen der nordischen Seefahrer an der Peripherie Europas,
in deren entlegenen Gebieten es keine oder nur wenige Ureinwohner gab. Das bei weitem erfolgreichste
Besiedelungsprojekt der Wikinger war Island. Bereits im Jahr 930 lebten schätzungsweise 20 000 Menschen
auf der Insel im Nordmeer. Die in der Mehrzahl aus den überbevölkerten Gebieten an der norwegischen
Westküste stammenden Siedler verteilten sich auf mehrere Dutzend kleiner Königtümer, die bald
untereinander erbitterte Fehden ausfochten. Um die Insel zu befrieden, wurde 930 das sogenannte
Althingins Leben gerufen, eine Versammlung aller freien Männer auf Island, die neben der
Rechtsprechung auch gesetzgeberische Gewalt ausübte und damit das erste europäische Parlament
darstellte.
Wikinger entdecken die Neue Welt
Als das Althing um das Jahr 980 Erik den Roten wegen eines Totschlags des Landes verwies,
brach dieser mit einigen Schiffen nach Westen auf und segelte so lange, bis er eine riesige,
zu weiten Teilen vom Eis bedeckte Insel fand. Wegen eines schmalen grünen Streifens an der Küste
taufte er sie "Grönland" und gründete dort eine isländisch-norwegische Kolonie, die immerhin über
400 Jahre lang existierte.
Angesichts der bereits von Anfang an recht kärglichen Lebensverhältnisse auf Grönland nimmt
es nicht Wunder, dass bereits Eriks Sohn Leif erneut nach Westen aufbrach, um dort besseres Land
zu finden. Lange war umstritten, ob alte Berichte, nach denen Leif Erikson etwa um die Jahrtausendwende
den nordamerikanischen Kontinent erreicht hat, nicht ins Reich der Sage gehören, aber nachdem man
1963 an der Nordspitze Neufundlands die Überreste einer skandinavischen Siedlung gefunden hat, steht
zweifelsfrei fest, dass es norwegische Wikinger waren, die als erste Europäer die Neue Welt entdeckten.


Weiterführende Links zum Thema Wikinger
The Viking Age - sehr umfassende Wikingerseite auf Englisch
Wikinger - sehr umfassende und gute Seite zum Thema
Die Wikinger - große Wikinger Infoseite
Norsk Arkeologisk Selskap - Archäologische Geselschaft in Norwegen
Wikinger - übersichtliche Infos über die Wikinger und ihr Leben
Vikingskip - umfangreiche Seite über die Wikingerboote
Lofotr - das Wikingermuseum auf den Lofoten
Midgard - Vikingermuseum in Borre (Vestfold)
Vikingskiphuset - das Wikingschiffmuseum in Oslo
Wikinger Museum Haithabu - Wikinger Museum in Norddeutschland
Hordaland Vikinglag - Wikingergesellschaft in Bergen
Kaupangprosjektet - Wikingerausstellung und Events in Vestfold
Arild Hauges Runer - norwegische Seite über Runen, Mythologie und Wikinger
Avaldsnes - Wikinger und norwegische Geschichte allgemein

